Mária Schmidt: ˝Heute sind wir es, die die Geschichte der Diktaturen erzählen˝

Ungarns vielleicht bewegendstes und gleichzeitig erschreckendstes Museum, das Haus des Terrors, ist in der Andrássy Straße 60 in Budapest zu finden. Das Haus selbst hat die grausamste Zeit des 20. Jahrhunderts erlebt, war Austragungsort der schlimmsten Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur sowie der kommunistischen Diktatur nach 1945. Im Keller wurden unzählige Menschen verhört, gefoltert und hingerichtet.

Das Terror Háza Múzeum (deutsch: Haus des Terrors) erinnert an die totalitäre Herrschaft in der ungarischen Geschichte und spannt den Bogen vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Systemwechsel Ende der 1980er Jahre. Es ist eine Gedenkstätte und es beherbergt eine beeindruckende Dauerausstellung: Bild- und Tondokumente veranschaulichen den Unterdrückungsapparat der beiden Terror-Regime des 20. Jahrhunderts.

Historikerin und Direktorin Mária Schmidt hat das Haus des Terrors vor zehn Jahren übernommen. Für unsere Reihe „Frauen an der Spitze von Kunst und Wissenschaft“ sprach wieninternational.at mit ihr über Frauenquote, Vergangenheitsbewältigung, Politik und die Freiheit in der Demokratie.

wieninternational.at: Hatte es irgendwelche Auswirkungen, dass Sie als Frau das Institut leiten?
Mária Schmidt: Ich kann nicht behaupten, dass ich als Frau negativ oder positiv diskriminiert worden wäre. Meiner Auffassung nach bin ich auf diesem Posten, weil meine Person dafür geeignet ist. Das Geschlecht hat diese Entscheidung nicht beeinflusst, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich in der Lage bin, die mir gestellten Aufgaben zu lösen. Für mich geht es hier allein um die Leistung.

wieninternational.at: Finden Sie nicht, dass man sich in Ungarn als Frau viel mehr behaupten muss?
Mária Schmidt: Schon immer habe ich gespürt, dass ich mich mehr beweisen muss, aber nicht weil ich eine Frau bin, sondern vielmehr, weil ich nicht zu der führenden linksliberalen politischen Elite des Landes gehört habe. Da diese über alles im Land bestimmt hat, musste ich mehr auf den Tisch legen, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Aber ich glaube nicht, dass das irgendetwas mit meinem Geschlecht zu tun hatte. Ich glaube auch nicht, dass ich irgendeinen männlichen Mitarbeiter habe, der meine Kompetenzen infrage stellen würde.

wieninternational.at: Wenn wir uns in Ungarn umschauen, fällt sofort ins Auge, dass es in der Öffentlichkeit, vor allem in der Politik, kaum Frauen in führenden Positionen gibt. Wissen Sie, woran das liegen könnte?
Mária Schmidt: Ich habe sehr viel über diese Frage nachgedacht. Es wäre viel zu einfach zu sagen, dass es sich in Ungarn um eine Macho-Gesellschaft handelt, oder die derzeitige Regierung gar als „machohaft“ zu bezeichnen, weil sie den Frauen nicht genügend Möglichkeit gibt, sich zu profilieren. Natürlich spielt das eine Rolle, aber auch die Frauen tragen an der Situation eine Mitschuld. Sie haben nicht genug Selbstvertrauen und nicht genügend Engagement für die Politik.

wieninternational.at: Ist es Ihrer Meinung nach notwendig, sich mit dieser Frage zu beschäftigen?
Mária Schmidt: Natürlich. Wir würden auch über die ungarische Gesellschaft mehr erfahren, wenn wir die Gründe dafür finden würden. Ich denke, der ungarischen Öffentlichkeit würde es unbedingt zum Vorteil gereichen, wenn in ihr Frauen zu einer größeren Zahl vertreten wären. Sie würden eine ganz andere Verhaltenskultur in die Öffentlichkeit hineinbringen. Zurzeit gibt es zu viel Kraftmeierei.

wieninternational.at: In Österreich beispielsweise ist die Frauenfrage sehr wichtig, dort achtet man sehr darauf, dass auch die Frauen zum Zug kommen. In der neu gegründeten Stadtregierung beispielsweise sind 50 Prozent der Stadträte Frauen.
Mária Schmidt: Ich weiß, dass es eine positive Diskriminierung gibt, aber ich war nie ein Verfechter davon. Ich halte die Frauenquote für sinnlos. Ich möchte doch auf keinen Fall einen Posten nur deshalb bekommen, weil dieser durch eine Quote von einer Frau bekleidet werden muss. Nicht mit mir! Das soll man mit den Männern machen! Ich habe viel Zeit in Österreich verbracht und weiß, dass diese positive Diskriminierung dort eine Kultur hat, aber in der ungarischen Gesellschaft hatte ich nie das Gefühl, dass ich als Frau ein Problem gehabt hätte. In den 70er und 80er Jahren hatte ich beispielsweise an den Universitäten nie das Gefühl, benachteiligt zu werden. Ich muss allerdings gestehen, dass ich jetzt als Professorin doch beobachtet habe, dass die Frauen weniger zum Zug kommen.

wieninternational.at: Wie sieht es mit der Gestaltung Ihres Museums aus, wie weit spielt dort und vor allem bei der Präsentation des Terrors die Frauenfrage eine Rolle?
Mária Schmidt: Solche Pläne gibt es bereits. Ich würde gern temporäre Ausstellungen über antikommunistische Heldinnen zusammenstellen, über die man wenig weiß, beispielsweise über Margit Slachta. Aber ich stehe auch mit tschechischen, rumänischen und polnischen Museen in Verhandlungen, auch ihre Heldinnen in die Schau einzubeziehen und daraus eine Wanderausstellung zusammenzustellen. Denn auch bei den Tschechen war eine der größten Antikommunisten eine Frau, Milada Horáková. Als Frauen schenkte man ihnen aber viel zu wenig Beachtung, man weiß über sie viel zu wenig. Das ist zum Beispiel eine Sache, die ich für äußerst wichtig halte.

wieninternational.at: Wieso?
Mária Schmidt: Man soll erfahren, dass in der Widerstandsbewegung auch sie eine starke Rolle gespielt haben, mindestens genauso, wie die Männer, derer wir viel öfter gedenken. In vielen Ländern versucht man etwas dagegen zu tun und ich möchte, dass man auch bei uns etwas mehr von den Frauen spricht.

wieninternational.at: Welche weiteren Pläne haben Sie für die nähere Zukunft?
Mária Schmidt: In den vergangenen acht Jahren ging es uns nur ums pure Überleben. Es gab viele Instanzen, denen unser Haus ein Dorn im Auge war. Ich hoffe, dass die neue Regierung im Rahmen ihrer Möglichkeiten unser Haus unterstützen wird. Schließlich gehörte es ja zu den ersten symbolischen Taten der damaligen Orbán-Regierung, dieses Haus zu gründen, womit sie sich europa- und weltweit großes Ansehen erkämpft hat. Wir möchten das Haus renovieren, denn es wird bald 10 Jahre alt. Unsere Räumlichkeiten für temporäre Ausstellungen sind einfach zu klein. Deshalb möchten wir diese gern erweitern, wenn die Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden. Als wir das Haus des Terrors eröffnet haben, hatten wir nicht mit solch einem Ansturm gerechnet. Tag für Tag wollen um die 1.000 Besucher die Ausstellung sehen.

wieninternational.at: Wer sind die Besucher?
Mária Schmidt: Neben den Menschen, die die Diktaturen hautnah miterlebt haben, ist unsere Ausstellung in erster Linie für Jugendliche konzipiert. Im Prinzip wird unsere Schau von allen Schülern und Jugendlichen des Landes besucht. Die Kinder verstehen die Ausstellung, denn wir benutzen ihre Sprache. Wir haben sie extra auf sie zugeschnitten. Wenn Sie es so wollen, habe ich die Ausstellung für meine eigenen Kinder konzipiert: Wenn sie sich gelangweilt haben, wusste ich, ich muss etwas ändern, wenn sie berührt waren, wusste ich, ich liege genau richtig.

wieninternational.at: Was möchten Sie eigentlich mit dem Haus des Terrors erreichen?
Mária Schmidt: In den ersten acht bis zehn Jahren nach der politischen Wende konnte Ungarn die größten Verbrechen der kommunistischen Zeit nicht verarbeiten, die Verbrecher wurden auch nicht zur Rechenschaft gezogen. Deshalb dachten wir, es wäre das Mindeste, ein Haus zu errichten, wo man die Gräueltaten der zwei totalitären Diktaturen zeigt und wo man mit den Namen der Täter konfrontiert wird. Die Idee wurde natürlich nicht von jeder Seite begrüßt. Vor allem diejenigen, die vorher das Monopol über die Geschichtserzählung besessen hatten, wollten nur ihre Ansicht der kommunistischen Diktatur erzählen. Heute sind wir es, die die Geschichte der Diktaturen erzählen. Wir sind in der historischen Forschung des 20. Jahrhunderts inzwischen die wichtigste Institution in ganz Ungarn. Nur von der deutschen Presse wurden wir oft angegriffen, weil wir die beiden Diktaturen auf eine Ebene gestellt haben. Im Sinne der Political Correctness werden dort die nationalsozialistischen Gräueltaten in den Vordergrund gestellt und die der kommunistischen Ära bagatellisiert. Deshalb hatten sie wohl kein Verständnis dafür, dass wir mit dieser Tradition gebrochen haben und die Schrecken beider totalitärer Systeme gleich gestellt haben.

wieninternational.at: Haben Sie denn in den neun Jahren, in denen das Museum existiert, Ihr Ziel erreicht? Haben Sie zur Bewältigung der Vergangenheit beitragen können?
Mária Schmidt: Dieses Wort „Vergangenheitsbewältigung“ gibt es nur im deutschen Sprachraum. Ich glaube nicht, dass man die Vergangenheit einfach so bewältigen und dann gleich zur nächsten Tagesordnung übergehen kann. Der Mensch kämpft sein ganzes Leben lang mit seiner Vergangenheit, genauso eine Nation. Es braucht Generationen und Jahrhunderte, bis man die Vergangenheit verarbeitet hat.

wieninternational.at: Ihrem Haus wurde oft vorgeworfen, dass der Holocaust keine Beachtung findet.
Mária Schmidt: Das hat einen einfachen Grund: Die damalige Regierung hatte Ende der 90er Jahre entschieden, zwei Museen zu gründen: eines sollte dem Holocaust und eines – unser Haus – den Gräueltaten der Diktaturen gewidmet sein. Dass das Holocaustmuseum wesentlich später entstanden ist als unseres, muss auf deren Konto geschrieben werden. Sowohl die Entscheidung als auch die Mittel standen dem Holocaustmuseum wesentlich früher zur Verfügung. Unser Haus, das Andrássy 60, ist seit dem Winter 1944 ein Symbol des Terrors. Hier wurden Menschen im Namen der ungarischen nationalsozialistischen Pfeilkreuzler und der kommunistischen Diktatur gefoltert und hingerichtet. Wir wollten, dass diejenigen, die diese totalitären Systeme nicht erlebt haben, klar sehen können, wie gut es ist, in einer Demokratie zu leben. Und ich denke, wer aus dieser Ausstellung hinausgeht, der freut sich, dass die Sonne scheint, dass es Frieden und Ruhe gibt und dass er als freier Bürger eines freien Landes Leben darf. Das war das Ziel unserer Ausstellung.

 

Vissza

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